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Keiner will nach Luxemburg
 
Warum eine private Arbeitsvermittlerin aus der Sächsischen Schweiz manchmal ins Grübeln kommt
Von Jörg Marschner

Seit drei Wochen sucht Katrin Tietz Fußbodenleger und Maler. „Aber nur qualifiziertes und motiviertes Personal“, schränkt die private Arbeitsvermittlerin ein. Es sollen Gesellen und Meister mit möglichst fünf Jahren Berufserfahrung sein, die sehr selbstständig arbeiten können und absolute Qualität liefern. Der Auftraggeber ist ein Unternehmer in Luxemburg. Er bietet leistungsbezogene Entlohnung zwischen 2 000 und 3 000 Euro brutto und Unterkunft in einem deutschen Appartementhaus nahe der Grenze zum Mietpreis von 200 bis 400 Euro. Insgesamt zwölf Fachkräfte möchte der Luxemburger einstellen – bei Eignung auch auf Dauer. Im kleinen Luxembourg mit nur 400 000 Einwohnern ist der Arbeitsmarkt ausgereizt. Also wandte er sich an Katrin Tietz. Deren Büro hat die Adresse Kurort Rathen, also Ostdeutschland, wo die Arbeitslosigkeit sehr hoch ist, wie sich bis in das Großherzogtum herumgesprochen hat. Schon seit fast drei Wochen arbeitet Katrin Tietz an diesem Auftrag. „Mit Hängen und Würgen habe ich bis jetzt drei Leute gefunden, die in Frage kämen, ein Rostocker und zwei Dresdner“, sagt sie.

Nette Gespräche, und das war es dann

Katrin Tietz braucht aber für die 12 Stellen erfahrungsgemäß die dreifache Bewerberzahl, nicht jeder ist geeignet. Sie hat die Stellenangebote an die Arbeitsagentur gegeben, damit sie dort in die Online-Stellenbörse eingegeben werden. Und sie hat sich in der bundesweiten anonymisierten Bewerberdatenbank nach Leuten umgeschaut, die als Fußbodenleger und Maler Arbeit suchen. Gut hundert Arbeitslose hat sie ausgewählt – natürlich nur deren Kenn-Nummern – und dann die entsprechenden Arbeitsagenturen per Internet angeschrieben: „Ich habe bei Ihnen den Kunden XY gefunden, bitte teilen Sie ihm die folgende Stelle mit.“ Ob der Jobsuchende nun tatsächlich informiert wird oder nicht, weiß Katrin Tietz meist nicht, denn die Arbeitsämter reagieren „enttäuschend unvollständig“ auf ihre E-Mails. Sei es, wie es sei: Von den gut hundert Leuten, mit denen sie ins Geschäft kommen wollte wegen Luxemburg, haben sich nur zwölf gemeldet. „Wir hatten nette Gespräche und am Ende die Versicherung, ja, wir melden uns wieder. Dabei haben es die meisten belassen.“

Seitdem grübelt Katrin Tietz, warum das so ist. Eigentlich, so denkt sie, müsste doch angesichts von Hartz IV viel mehr Interesse bestehen. Dokumentiert sich hier das Misstrauen in die Branche der privaten Arbeitsvermittler? In jüngster Zeit wurde öfters über schwarze Schafe berichtet, die sich mit krimineller Energie staatliche Vermittlungsgebühren für Scheinarbeitsplätze erschleichen und Arbeitslose schamlos ausnutzen. Liegt es am weiten Weg bis Luxemburg? Oder am nicht gerade üppigen Einstiegslohn von 2 000 Euro? Andererseits, es müsste doch auch Jüngere, so um die 25, 30 Jahre geben, die das reizt? Katrin Tietz, die Fachschulabsolventin, kennt das Leben, sie hat im Handwerk gearbeitet und als Selbstständige in der Gastronomie und war auch schon ohne Arbeit. Deshalb hütet sie sich vor vorschnellen Urteilen, aber angesichts der schwachen Resonanz auf die Luxemburg-Offerte fragt sie sich doch, ob nicht auch Bequemlichkeit im Spiel ist.

Berechtigte Gründe oder auch Ausreden?

„Der Arbeitsmarkt ist eine Katastrophe“, sagt Katrin Tietz, „da muss man nicht drumherum reden. „Aber es ist nicht so, dass es gar keine Stellen gibt.“ Allerdings könnte sie jetzt einem Pirnaer oder Sebnitzer in seiner Heimatstadt nur wenig anbieten. Die meisten Angebote setzen wöchentliches Pendeln voraus. Und gerade da haben Katrin Tietz und ihr Partner Rüdiger Füllborn bei Vermittlungsgesprächen schon die unterschiedlichsten Ablehnungsgründe gehört. Der eine konnte seinen Heimatort nicht verlassen, weil er ein Aquarium hatte. Ein anderer verwies auf seinen Garten, der dann verwildern würde. Oft klinge es nach Ausreden, wenn etwa gesagt werde, „die Frau wolle das nicht. Ich denke“, sagt Katrin Tietz, „je länger die Leute raus sind aus der Arbeit, um so mehr arrangieren sie sich mit den Umständen, auch wenn sie misslich sind.“

Zu schaffen macht den beiden privaten Arbeitsvermittlern der Trend mancher Arbeitgebe r, den Lohn immer weiter nach unten drücken zu wollen. Da werden Kellner mit einem Stundenlohn von 4,50 Euro gewünscht. Oder Wachleute für 3,10 Euro. „Das mach ich nicht. Da soll sich der Unternehmer selbst kümmern. Wir sind nicht der Vermittler von Dumpinglöhnen.“ Sie hat schon Probleme, für eine Security-Firma in Dresden einen Hundeführer mit ausgebildetem Hund zu finden. Stundenlohn ab 4,96 Euro plus drei Euro Schichtzulage für den Hund. In gewerblichen Branchen nimmt Katrin Tietz unter sieben Euro nichts mehr an, wobei sie weiß, dass das nun auch nicht gerade die Masse ist – erst recht nicht für einen Pendler.

Der Sonnabend vor zwei Wochen war trotzdem ein richtiger Erfolgstag für Katrin Tietz und Rüdiger Füllborn. Mit vier Männern – 19 der jüngste, 45 der älteste – fuhren sie nach Leipzig zum Vorstellungsgespräch. Mit vier unterschriebenen Arbeitsverträgen kehrten sie zurück, und alle waren zufrieden: Vier Männer aus Dresden, Nünchritz und Pirna hatten nach mehr als sechs Monaten Arbeitslosigkeit wieder einen Job als Gas-Wasser-Installateur, Dreher, CNC-Fachkraft und Zentralheizungsbauer. Die Leipziger Zeitarbeitsfirma war auch froh, vier neue gute Mitarbeiter zu haben, denn im Moment kann sie gar nicht alle Wünsche nach Leiharbeitern befriedigen. „Wenn es danach ginge, könnten wir derzeit jede Woche 50 Leute an diese Firma vermitteln, es fehlt an Bewerbern“, sagt Katrin Tietz. Der Stundenlohn läge zwischen sieben bis zehn Euro bei bundesweitem Einsatz, aber vorwiegend in Sachsen, Thüringen und Baden-Württemberg, bei Montage mit Tagesauslöse. Zufrieden über den Leipziger Erfolg waren schließlich auch Katrin Tietz und Rüdiger Füllborn, die daraufhin bei der Arbeitsagentur ihren Anspruch auf die Vermittlungsgebühr anmelden konnten. Leicht verdientes Geld ist das nicht. Tietz und Füllborn checken in der Regel die Auftraggeber auf Seriosität und ebenso die Bewerber. „Knackpunkt ist der persönliche Kontakt zum Unternehmen und zum Bewerber, das geht oft bis zum Vorstellungsgespräch“, sagt Katrin Tietz. Das ist der große Unterschied zur staatlichen Arbeitsagentur, wo ein Vermittler derzeit 800 Leute betreut, auch mit Hartz IV sollen es noch durchschnittlich 150 sein.

Zeitarbeitsfirma – viele sagen da „Nein, danke“

Telefon und E-Mail sind zwar schnell, haben aber ihre Grenzen. Da suchte beispielsweise ein Tourismusunternehmer der Sächsischen Schweiz einen Macher für alles. Nicht älter als 30 war die Bedingung, Rettungsschwimmer sollte er sein und den Motorbootführerschein besitzen. „Da wurde ein Held gesucht“, sagt Katrin. Die Helden, die am Telefon gut klangen, erwiesen sich von Angesicht zu Angesicht aber als eher aufgeblasen und ungeeignet. Vermittelt wurde schließlich eine 56-Jährige aus der Region, und alle waren zufrieden, auch die Gäste des Unternehmers. Ein Erfolg, über den sich Katrin Tietz besonders freute.

Gestern Vormittag hat KatrinTietz wieder mit fünf Arbeitslosen gesprochen und ihre Angebote unterbreitet: Bauschlosser, Fräser, Elektriker, Schließanlagenbauer. Allerdings alles bei Zeitarbeitsfirmen – sie erhielt nur Absagen.

(Bildunterschrift: Montag, 4 Uhr, Hochbetrieb Richtung Westen auf der A 4 kurz vor Chemnitz: Mehrere hunderttausend Ostdeutsche – darunter weit über 50 000 Sachsen – pendeln bereits zur Arbeit in die Altbundesländer. Foto: SZ/Thomas Lehmann )
(Quelle: www.sz-online.de)
 
Donnerstag, 23. September 2004 07:03 99
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